Informatik und Gesellschaft IM UNTERRICHT

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Start M2: Ausgewählte Aspekte

MODUL 2: Aspekte (Möglichkeiten, Gefahren, Gesundheit)

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Nachdem detailliertere Kenntnisse über verschiedene Kommunikationsformen vermittelt bzw. wieder aufgefrischt wurden, müssen natürlich auch Chancen, Möglichkeiten, Risiken und Gefahren von elektronischer Kommunikation thematisiert werden. Der Unterricht sollte in diesem Zusammenhang derart gestaltet werden, dass nicht nur negative Aspekte und Sicherheitsrisiken elektronischer Kommunikation thematisiert werden, sondern dem Schüler umfassende Kenntnisse in den verschiedenen Aspekten vermittelt werden. Dadurch sollen die Jugendlichen selbst die Fähigkeit erlangen, Vor- und Nachteile elektronischer Kommunikation zu erkennen. Nur durch ein vernünftiges Abwägen von Nutzen und Risiko sowie ein geschultes Urteilsvermögen können Schüler im Alltag sicher elektronisch kommunizieren und die Vorteile dieser Kommunikationsmöglichkeit gewinnbringend für sich nutzen.

In diesem sehr weiten Themenfeld wurden von der Autorin Einzelaspekte ausgewählt, die vor allem für die Kommunikation von Jugendlichen charakteristisch sind. Hierbei wird auf die sprachliche, persönliche und gesellschaftliche Ebene eingegangen sowie über Mobbing, Suchtgefahr und gesundheitliche Risiken aufgeklärt.

Bei der Behandlung von Sprachauffälligkeiten im Informatikunterricht ist fachübergreifendes oder fächerintegrierendes Arbeiten mit dem Unterrichtsfach Deutsch und/oder dem Fremdsprachenunterricht von Nöten. Unter sprachlichen Auffälligkeiten beim elektronischen Kommunizieren werden sowohl die „typische Chatsprache“ mit ihren besonderen Akronymen und Ausdrücken für Emotionen verstanden, als auch die Auswirkungen von neuen Medien auf die deutsche Sprache. Außerdem ist auch das Vernachlässigen von Sonderzeichen bzw. Satzzeichen und die fehlende Unterscheidung zwischen Groß- und Kleinschreibung repräsentativ. Auf der persönlichen Ebene sollte die Sicherung der eigenen Identität (durch Pseudonyme und digitale Identitäten), der Medienbesitz als Statussymbol und der fehlende persönliche und emotionale Kontakt zum Kommunikationspartner angesprochen werden. Weiterhin ist es auch empfehlenswert, Glaubhaftigkeit und Vorteile anonymer elektronischer Kommunikation (wie leichtere Kontaktaufnahme, das Knüpfen neuer Freundschaften, oder schnelle und unkomplizierte Hilfe) zu behandeln.
Die gesellschaftliche Ebene ist durch die Nutzung verschiedener Dienste in sozialen Netzwerken gekennzeichnet.

Im Jahr 2009 gebrauchten mehr als 70 Prozent[1] der Internetnutzer Social-Communities als Freizeitbeschäftigung, Informationspool und zum Knüpfen bzw. Festigen ihrer sozialen Kontakte. So haben die deutschen Teilnehmer der Circuits of Cool-Studie[2] durchschnittlich 86 gespeicherte Telefonnummern in ihrem Handy, 55 Freunde in Social-Communities und 38 Namen auf der Freundesliste des Instant Messangers. Vorteile der Vernetzung und virtuellen Zusammenkünfte sind vor allem die Unabhängigkeit von Ort- und Zeit, die Aktualität, die unkomplizierte Handhabung der Portale im Internet sowie die umfangreichen medialen Möglichkeiten. Diese sind beispielsweise: persönliche Profile (und Kontaktinformationen) mit Freundschaftslisten, Fotoalben, eingestellten Videos, gemeinsame Interessengruppen und Anwendungen – sogenannten „Apps“ (wie Spiele, Profilbewertungen), Geburtstagslisten und vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten (z.B. verschiedene Chatmöglichkeiten und Nachrichtendienste). Bei den vielfältigen Möglichkeiten, die soziale Netzwerke bieten, Freundschaften zu pflegen, sollten auch die Verschiebungen in der Intensität der einzelnen Kontakte untersucht werden. Hierbei kann fächerverbindend mit den Fächern Ethik und Religion gearbeitet werden. Durch die Tatsache, sich plötzlich mit all seinen Bekannten und Freunden „virtuell treffen“ und austauschen zu können, kann man die einzelnen Beziehungen gar nicht mehr so intensiv führen, wie es in einer guten Freundschaft des realen Lebens üblich ist. Hierbei sollte von den Schülern festgestellt werden, dass sie nun zwar eine Vielzahl aber kaum tiefe Freundschaften pflegen (Verlagerung der Quantität ihrer Beziehungen zu Lasten der Qualität).
Einen weiteren zentralen Unterrichtsschwerpunkt sollte auch das Thema Mobbing darstellen. Dieses bietet sich gerade nach oder auch bei der Behandlung der sozialen Ebene an, da sich Mobbingfälle unter Jugendlichen immer weiter häufen. Um dieser Entwicklung entgegen wirken zu können, ist Aufklärungsarbeit enorm wichtig, da viele Täter vor allem aus Angst, selbst ein Mobbing-Opfer zu werden, mobben. Sehr wirkungsvoll können hierbei Rollenspiele sein, da sich so auch (potentielle) Mobbing-Täter in die psychischen Leiden von Opfern, welche oft unterschätzt oder verharmlost werden, hineinversetzen müssen. Weiterhin sollten auch die verschiedenen Arten von Mobbing thematisiert werden, um Jugendliche darüber aufzuklären, welche Tätigkeiten unter Mobbing verstanden werden und strafbar sind. Laut Nancy Willard[3] unterscheidet man hierbei acht Hauptformen, welche an dieser Stelle kurz genannt und erläutert werden sollen:

· Unter „Flaming werden Onlineauseinandersetzungen verstanden, bei denen elektronische Nachrichten mit Beschimpfungen und vulgären Ausdrücken ausgetauscht werden.

· Harrassment bezeichnet das wiederholte Senden von bösartigen, beleidigenden Nachrichten.

· Denigration ist das Versenden oder Publizieren von rufschädigendem Klatsch und Gerüchten über eine Person.

· Unter Impersonation wird das Versenden von Nachrichten oder Material unter falscher Identität verstanden, um betroffene Personen in Schwierigkeiten zu bringen, ihren Ruf zu schädigen oder sie zu blamieren.

· Beim Outing werden peinliche Informationen, Geheimnisse oder Bilder von betroffenen Opfern veröffentlicht.

· Durch Trickery werden Personen zum Enthüllen von Geheimnissen oder für sie peinliche Informationen gebracht und diese dann online verbreitet.

· Der absichtliche Ausschluss aus einer Onlinegruppe wird als Exclusion bezeichnet.

· Cyberstalking sind wiederholte intensive Belästigungen und Beschimpfungen mit erheblichen angsteinflößenden Drohungen, die sich bei den Cyberthreats (Drohungen, sich selbst oder anderen physisch zu schaden) noch verschärfen.[4]

Im Zusammenhang mit Mobbing muss auch auf „Happy Slapping“ (physische Gewalt, die aufgezeichnet und anschließend verbreitet wird) und „Cyber Grooming“ (online vorbereitete sexuelle Belästigungen und Übergriffe auf Kinder und Jugendliche) eingegangen werden. Besonders beim „Cyber Grooming“ sollten mit den Schülern gemeinsam geeignete Präventionsmaßnahmen erarbeitet werden. Da laut JIM-Studie 09 jeder 4. jugendliche Internetnutzer[5] angibt, bereits mit Cyber-Mobbing in Kontakt gekommen zu sein, ist es natürlich auch empfehlenswert, den Schülern geeignete Hilfsangebote für Mobbingbetroffene vorzustellen.

Als weitere negative Folgen elektronischer Kommunikation sollten auch Medien- und Onlinesucht sowie gesundheitliche Risiken im Unterricht behandelt werden. „Mediensucht ist eine süchtige Erlebens- und Verhaltensweise, ohne Substanzkonsum - sondern mit exzessiver Nutzung der modernen elektronischen Medien“. [6] „Da die Forschung in diesem Bereich noch in den Anfängen steckt, existiert bisher keine allgemein gültige Definition. Darüber hinaus ist die Symptomatik noch nicht als klinische Diagnose in den internationalen Verzeichnissen (ICD und DSM) klassifiziert.“[7]

Eine Grenze zwischen süchtiger und noch als nichtsüchtig zu akzeptierender Mediennutzung ist fließend und kaum zu ziehen. „Grundsätzlich ist jedes Kind mehr oder minder gefährdet, jedoch erhöht sich das Risiko je früher Kinder mit einem solchen Medium in Kontakt kommen, d.h. solange sich das Wesen des Kindes noch nicht gefestigt hat.“[8] Besonders für Jugendliche mit geringen sozialen Kontakten oder einem zerrütteten familiären Umfeld ist die Flucht aus der realen in die virtuelle Welt verlockend. Im Unterricht sollten daher Mediensucht-Tests angeboten und auch hierzu Beratungs- bzw. Hilfsangebote für Jugendliche aufgezeigt werden. Weitere negative Auswirkungen von elektronischer Kommunikation auf die Gesundheit sind Elektrosmog, Adipositas (durch zu wenig körperliche Bewegung hervorgerufen), Haltungsschäden (durch zu langes Sitzen und falsche Sitzhaltungen) und Sehschäden (durch zu lange Bildschirmaktivität).



[1] [JIMS09], S. 45.

[2] [MiAd07], S. 24.

[3] Buchautorin und Direktorin des “Center for Safe and Responsible Internet Use”

[4] Frei übersetzt nach [Will07], S. 1ff.

[5] [JIMS09], S. 48.

[6] Inhalt gemäß [MeSu10], Abruf am 03. 08. 2010.

[7] [ÄrBl07], Abruf am 03. 08. 2010.

[8] [WebA10], Abruf am 03. 08. 2010.

 

Tipps

Kinder und Jugendliche Medien als Bestandteil ihrer Lebenswirklichkeit technisch und inhaltlich (meist sogar besser als ihre Eltern oder Lehrer), aber kaum reflektiert nutzen. Die gemeinsame Aufgabe der Schule und des häuslichen Umfeldes besteht deshalb in der Sensibilisierung, Reflektion und Prävention im Umgang mit Informationstechnik. Deshalb müssen gerade im Informatik- und Medienkundeunterricht die Fähigkeiten des Abwägens und das Vermögen der Urteilsbildung noch stärker trainiert werden.